Die Notfallreaktion

Die Stressreaktion ist ein uraltes Reaktionsmuster unseres Körpers (besser gesagt: unseres Gehirns), das aus einer Zeit stammt, als der Mensch noch zahlreichen realen Gefahren (z.B. wilden Tieren) ausgesetzt war.

 

Stress als Notfallreaktion 

 

Sah sich unser steinzeitlicher Vorfahre plötzlich mit einem Säbelzahntiger konfrontiert, musste er blitzschnell auf diese Gefahr reagieren und sein Körper musste alle Reserven aktivieren, um erfolgreich kämpfen oder fliehen zu können. Die Ausschüttung von Adrenalin sorgte dafür, dass die Darmtätigkeit eingestellt, Herzschlag und Atmung beschleunigt, der Muskeltonus erhöht und Wahrnehmung und Aufmerksamkeit geschärft wurden. Konnte unser Vorfahre den Tiger erlegen oder erfolgreich fliehen, konnte er sich erschöpft gegen einen Felsblock lehnen und erholen. Die Körperfunktionen normalisierten sich und er konnte sich wieder entspannen. Wäre seine Handlung nicht erfolgreich gewesen, hätte ihn der Tiger gefressen, und das Problem hätte sich damit auch gelöst, allerdings zu Gunsten des Tigers. Aber unser Vorfahre hat überlebt und konnte seine Fähigkeit, die erfolgversprechende Stressreaktion, an uns weitervererben.

Deshalb reagieren wir modernen Menschen heute noch in derselben Weise auf Gefahren. Allerdings kommt es heute eher selten vor, dass wir einem Säbelzahntiger begegnen. Die Gefahren- und Stresssituationen, die der Mensch heutzutage zu bewältigen hat, sehen anders aus. Zu hohe Arbeitsbelastung, Hektik und Zeitmangel, Informationsüberflutung, zwischenmenschliche Probleme und finanzielle Sorgen lassen sich durch Kampf oder Flucht in der Regel nicht lösen. Die durch die Adrenalinausschüttung aktivierten Körperreaktionen können nicht durch körperlichen Einsatz abgearbeitet werden. Eine erfolgreiche Handlung ist also nicht oder nur ungenügend möglich. So bleiben die Körperfunktionen auf einem erhöhten Stressniveau und Erholung und Entspannung sind nicht mehr möglich. Die Folgen sind körperlicher Dauerstress (erhöhter Blutdruck, Muskelverspannungen, flache Atmung) und ständige psychische Anspannung (Nervosität, Gereiztheit), was auf lange Sicht zu körperlicher Schädigung und psychischem Zusammenbruch führen kann.